Sonnenduft

Sonnenduft

Frühling.

Meist macht er sich erst leise bemerkbar. Mit winzigen Knospen, noch halb versteckt zwischen dürren, blattlosen Ästen. Zaghaft erwacht die Natur, um dann, sobald die Sonne genügend Kraft entwickelt hat, mit aller Macht auszubrechen aus einem langen, ereignislosen Winterschlaf.

Wer auf die kleinen Zeichen achtet, der hält zwischendurch inne und lauscht dem Vogelgezwitscher, freut sich über Schneeglöckchen und Krokusse, über erste grüne Blättchen am Baum und gelb leuchtende Fosythienbüsche.

Wenn der Frühling dann richtig erblüht ist, steht man staunend vor der berauschenden Pracht eines Magnolienbaums, der mit seinen riesigen und doch zarten Blüten den Winter hinwegzuschreien scheint. Rasant erwacht die Natur und stürzt die Welt in einen Farbenrausch.

Das sind die Tage, an denen der Mensch mit einem glückseligen Lächeln das Gesicht der Sonne entgegenstreckt, sich auf den Sommer freut, aufs Barfußlaufen und auf die lauen Abende, an denen man jede Minute an der frischen Luft genießt. Mit einem guten Glas Wein, bis das letzte Licht des Tages verloschen ist und man angenehm fröstelnd bei Kerzenschein in die immer tiefer werdende Dunkelheit lauscht.

Wie überwältigend sind die Gerüche! Vielfältig und intensiv atme ich ihn ein, diesen Duft nach Sommer und Urlaub. Ich rieche das frisch gemähte Gras, den gerade aufblühenden Flieder und bald schon erfüllt am Abend der unverkennbare Geruch von Gegrilltem die ganze Nachbarschaft. Meine erste Tat am Morgen ist ein tiefer Atemzug vor dem geöffneten Fenster.

Leben einatmen.

Und da gibt es dann diesen einen Duft, den ich immer in der Nase habe, nachdem ich dich zu Bett gebracht habe. Erschöpft und zufrieden bist zu eingeschlafen, angekuschelt an dein kleines Kissen, den Schnuller in der Hand. Deine Kleider vom Tag liegen noch dort hinten in der Ecke, voller Staub und Schmutz, vom Toben und Klettern draußen. Die Hände und Füße notdürftig gesäubert und mit rosigen Wangen zeigt mir dein Lächeln, wie sehr auch du den Frühling und die neue Freiheit genießt.

Ganz tief habe ich meine Nase in dein goldblondes Haar vergraben und ihn in mich aufgesogen, den süchtig machenden Duft der Sonnenstrahlen.

Nichts, auch nicht die herrlichste Blüte dieser Welt, riecht so wundervoll wie dieser Geruch nach Sand und Staub, nach Sonne und mildem Schweiß, den ich mit geschlossenen Augen und offenem Herzen in mich aufnehme. Es duftet nach Abenteuerlust und Entdeckerdrang. Nach glücklicher Kindheit und Sorglosigkeit.

Nach Frühling.

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