Ein Abend im Bolschoi

Es gehört mit zu den größten Attraktionen Moskaus, ist an Berühmtheit kaum zu überbieten und war jahrelang wegen umfangreicher Renovierungsarbeiten geschlossen. Das Große Theater, das Bolschoi.

Nachdem es im vorletzten Herbst wiedereröffnet wurde, gab es einen ziemlichen Run auf die Eintrittskarten und so hat es einige Zeit gedauert, bis wir uns das Vergnügen gönnen konnten. Von den Preisen reden wir jetzt nicht, das gehört sich nicht, schließlich geht es um große Kunst.

Neulich war es also soweit. Wir machten uns schick, fuhren mit der Metro zum Theaterplatz und freuten uns auf einen beeindruckenden Abend mit der dahinsiechenden Kameliendame. La Traviata stand auf dem Programm. Verdi. Auf Italienisch mit russischen Unter-, nein Übertiteln.

Der Theaterplatz strahlt nach der Renovierung eine wirklich wunderbare Atmosphäre aus. Und über allem leuchten die Säulen des Bolschoi. Wir stiegen die große Treppe herauf und begaben uns ins Innere des Heiligtums. Nach einem ausführlichen Sicherheitscheck herrschte erst einmal ein wenig Ernüchterung. Im Inneren ist es zunächst längst nicht so prächtig wie erwartet. Heller Marmor, wenig Gold und Prunk und in jeder russischen Wohnung der gehobenen Mittelklasse findet man eindrucksvollere Kronleuchter.

Eine Empfangsdame erklärte uns den Weg zu den Garderoben – auf Englisch, nachdem sie in unsere fragenden Gesichter geschaut hatte. Keine Selbstverständlichkeit in Moskau. Aber selbst die Platzanweiserinnen und Programmverkäuferinnen sprachen Englisch. Wer es schon einmal mit den älteren Damen zu tun hatte, die in den kleineren Moskauer Theatern für Ordnung sorgen, der kann sich unsere Überraschung vorstellen.

Vor dem Herzstück des Theaters, dem prächtigen Saal, konnte man noch schnell ein Gläschen Champagner trinken und Erdbeeren dazu verspeisen, was wir uns verkniffen. Wir sind ja keine Millionäre.

Das Publikum war wie immer sehr gemischt. Junge Leute in Jeans, ältere Herrschaften, fein herausgeputzt und die üblichen Damen auf Stelzen und mit aufgespritzten Lippen – es herrschte ein wohliges Durcheinander, zumindest fühlte man sich weder under- noch overdressed.

Dann betraten wir den Saal und waren geblendet von so viel Gold und Rot und Gold und … Gold.

Wir hatten Plätze im Parkett, die Logen sind keine besonders gute Wahl, vor allem nicht die seitlichen. Wie mir berichtet wurde, sieht man da die Bühne kaum, wenn man nicht direkt an der Brüstung sitzt. Man darf halt nicht vergessen, dass die Logen früher für gesellschaftliche Zusammenkünfte genutzt wurden – die Aufführungen waren dabei eher nebensächlich.

Wir hatten aber einen guten Blick auf die Bühne, die bei der Renovierung mit dem neuesten Technikschnickschnack ausgestattet wurde. Das Bühnenbild war einfach toll. Aber auch sehr klassisch. Dennoch scheuten sich die Russen nicht, ein echtes Pferd mit Kutsche über die Bühne traben zu lassen. Einfach so als Hintergrundgimmick. Hauptsache es sieht gut aus.

Die Aufführung selbst war wunderbar. Tolle Sänger, herrliche Kostüme. Verdi eben. Ganz klassisch.

Das ist das Bolschoi. Man spielt hauptsächlich Klassiker. Und auch die mit wenig Sinn für Modernisierung. Angeblich möchte man es sich mit dem russischen Publikum nicht verderben, aber wenn man die Nachrichten rund um die Attacke auf den Ballettchef des Bolschoi und ehemaligen Startänzer, Sergej Filin, verfolgt, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Publikum eher weniger das Problem ist.

Mich verwundert das wirklich nicht, vor allem nach der Lektüre der Biografie von Maja Plissezkaja. Die Starballerina hat unter dem Regime in der Sowjetzeit gelitten, aber auch unter den Querelen innerhalb der Bolschoi-Truppe. Wenn man hier lebt, dann kann man sich gut vorstellen, dass die generelle Atmosphäre dort auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht wirklich besser geworden ist.

Zurück zu unserem Abend. Es war schön. Punkt. Auf der To-Do-Liste abgehakt.

Und die Stühle im Parkett sind übrigens höllisch unbequem.

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Ein Kommentar

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