Ein Blick zurück


Ja, ich weiß, Jahresrückblicke gehören nicht in den Januar. Aber warum eigentlich?

Im Fernsehen laufen die Rückblicke schon ab Ende November. Es ist wie mit den Weihnachtsprodukten. Die sind auch immer früher in den Läden, denn man will ja der Erste sein. So auch die Fernsehsender, die schon Mitte November auf ein Jahr zurückblicken, das noch längst nicht vergangen ist. Man kann doch den Dezember nicht einfach so unterschlagen.

Okay, okay. Es ist der 20. Januar 2011 und ich bin wirklich recht spät dran mit meinem Blick zurück. Aber man muss ja erstmal ankommen im neuen Jahr, bevor man das vergangene mit relativer Gelassenheit betrachten kann. Ein wenig Abstand kann ja nicht schaden.

Leider geraten die Ereignisse so aber auch ein wenig in Vergessenheit, weshalb ich meine grauen Zellen und meine Festplatte ganz schön strapazieren muss.

Also. 2010. Hm. Ein gutes Jahr für mich. Für uns. Gar keine Frage.

Unser zweites Jahr in Moskau, in dem der Reiz des Neuen verflogen ist, in dem wir aber auch gelernt haben, die positiven Seiten der Stadt zu genießen und die negativen mit einem Achselzucken hinzunehmen, denn man gewöhnt sich irgendwann an alles.

– Wir hatten einen herrlichen Urlaub in Istanbul mit unseren brasilianischen Freunden, die uns Moskau beschert hatte,
– wir genossen die Schönheit der Toskana mit alten Studienfreunden,
– wir besuchten ein fantastisches Sting-Konzert,
– wir bestaunten jeden Tag aufs Neue, wie unsere Töchter sich in zwei neuen Sprachen immer besser zurechtfanden,
– wir hatten nette Abende in den verschiedensten Restaurants der Stadt mit Leuten, die sich aufs gleiche Abenteuer eingelassen hatten,
– wir freuten uns sehr über die Besuche aus der Heimat
– und wir genossen die wenige Zeit, die wir in Deutschland verbrachten mit Freunden und Familie sehr.

Mein ganz persönliches Highlight des Jahres war aber eindeutig meine Teilnahme an der TEDGlobal-Konferenz in Oxford im Juli. Im Januar war ich auf die Webseite von TED.com gestoßen. Begeistert sah ich mir einige Talks an und beschloss, meine im Übersetzerstudium erworbenen Kenntnisse nicht länger verkümmern zu lassen und das Open Translation Project tatkräftig zu unterstützen. Freiwillige Übersetzer aus der ganzen Welt übersetzen die Untertitel der Talks in 80 Sprachen. Das Übersetzen macht riesigen Spaß, ist oftmals eine Herausforderung und mit jeder Übersetzung lernt man unendlich viel dazu.

Dann ergab sich sehr kurzfristig die Möglichkeit, an der Konferenz teilzunehmen. TED lud einige Übersetzer – quasi als Dankeschön – ein, zu einem reduzierten Preis die sauteure, immer Monate im Voraus ausverkaufte Konferenz zu besuchen. Yeah! Babysitting organisiert, Flug und Hotel gebucht und schwups saß ich im Publikum und durfte Annie Lennox bewundern. Annie Lennox! Wow! Allein dafür hatte es sich gelohnt.

Aber ich lauschte auch so interessanten Menschen wie
Julian Assange, der als Überraschungsgast von TED-Kurator Chris Anderson interviewt wurde,
Peter Eigen, mit dem ich mich auf einer Abendveranstaltung über Korruption in Russland austauschen konnte,
Zainab Salbi, die für ihr Engagement für Frauen aus Kriegsgebieten meine absolute Bewunderung hat,
Maz Jobrani (im Bild unten, 3. von links), der mit seiner Stand-up-Comedy für einen Lachanfall nach dem anderen sorgte,
– und Elif Shafak, die eine für mich sehr erhellende Rede hielt.
(Die Talks der oben genannten Personen sind empfehlenswert und über TED.com kostenfrei abrufbar.)

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Ich traute mich Würmer auf Schokokeksen zu probieren, durfte in der ältesten Bibliothek Englands, der Bodleian Library, die Erstausgabe der Werke von Shakespeare anfassen und habe beim Punting während des Picknicks zum Abschluss Tränen gelacht mit den Übersetzerkollegen. Ich traf ganz viele, interessante, nette, aufgeschlossene Menschen aus aller Welt. Diese Offenheit, diese Bereitschaft, sich mit jedem Teilnehmer, der gerade neben einem stand oder saß, zu unterhalten machte für mich dieses Konferenz zu etwas ganz Besonderem.

Beim Punting:

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Natürlich gab es auch weniger schöne Momente im letzten Jahr. Wir mussten unsere Lieblingsbrasilianer wieder in die Heimat ziehen lassen und auch eine weitere Familie, die wir ins Herz geschlossen haben, verließ Moskau. Wir verbrachten ein paar weitere, leider traurige Tage in Istanbul, um einem kranken Lieblingsonkel beizustehen, wir erlebten abenteuerliche Tage, als meine Mutter nicht nach Hause fliegen konnte, weil es einem Vulkan ziemlich egal war, dass das Visum abgelaufen war, und was in Moskau im Sommer sonst noch so los war, konnten ja jeder in den Medien verfolgen. Wir waren zur Zeit des großen Smogs zum Glück nicht in der Stadt.

So verging das Jahr in einem höchst rasanten Tempo. Und wir sind gespannt, ob 2011 mit dem letzten Jahr wohl mithalten kann, denn 2010 wird uns in absolut guter Erinnerung bleiben.

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