Zebrastreifenerlebnisse


Für meinen täglichen Spaziergang mit dem Hund gehe ich gewöhnlich in einen Park ganz in der Nähe unserer Wohnung. Dazu muss ich eine große Straße überqueren, ein Unterfangen, das manchmal einem Himmelfahrtskommando gleichkommt. Es gibt zwar einen Zebrastreifen, aber der ist für die russischen Autofahrer auch nur eine lustige Abwechslung.

Höchst selten hält ein Auto an, es sei denn, man steht schon mit einem Bein auf der Straße. Es ist ein wenig wie der ewige Kampf „Mensch gegen Maschine“. Wer stoppt, wer traut sich weiterzugehen, wer hat die stärkeren Nerven? Inzwischen habe ich mich einigermaßen an das Spielchen gewöhnt. Anpassungsfähigkeit ist eine wichtige menschliche Eigenschaft. Wie wichtig, das erfahre ich hier in Moskau täglich hautnah und am eigenen Leib.

In der Gegend unseres Hauses treibt auch eine der vielen Moskauer Straßenkötergangs ihr Unwesen. Die drei nicht gerade kleinen Hunde streunen mal hier und mal dort, liegen unter den Büschen vor dem Haus, stromern durch den Park oder verbellen vorbeifahrende Autos. Zu Anfang haben sie meinen Adrenalinspiegel immer rapide in die Höhe schnellen lassen. Mittlerweile weiß ich, dass sie eigentlich harmlos sind, so lange man sie ignoriert.

Wir nennen die drei räudigen Gesellen inzwischen liebevoll „Die Gang“ und haben uns – Stichwort Anpassungsfähigkeit – an sie gewöhnt. Allerdings fragte ich mich immer, wie die Jungs es schaffen, heil und unversehrt die Straße zu überqueren.

Am Sonntag konnten wir nun beobachten, was wir kaum für möglich gehalten hatten. Das herrliche Altweibersommerwetter hatte uns alle – also Vater, Mutter, zwei Kinder und ein Hund – in den Park gelockt. Auf dem Rückweg sahen wir einen der Köter aus der Gang. Er war auf der Verkehrsinsel in der Mitte der mehrspurigen Straße und schickte sich an, die Fahrbahn am Zebrastreifen zu überqueren.

Da geschah es. Wir wurden wieder einmal Zeuge der unbändigen russischen Tierliebe. Ein Autofahrer hielt an und ließ den Straßenhund in aller Ruhe über den Zebrastreifen auf die sichere andere Seite der Straße spazieren. Wir blieben staunend zurück und es brauchte ein paar Minuten, bis sich ein weiterer Autofahrer erbarmte und auch für uns – also Vater, Mutter, zwei Kinder und ein Hund – am Zebrastreifen bremste.

Es stellt sich nun die Frage, ob der nette Autofahrer für uns – also Vater, Mutter, zwei Kinder – angehalten hatte – oder für unseren Hund…

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Ein Kommentar

  1. Anonymous

    Herrlich! Allerdings glaube ich nicht, dass Ihr die Antwort wirklich hören wollt ;-)

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