Russians love their children too


In den Achtzigern, auf dem Höhepunkt des Wettrüstens, zu Zeiten des Kalten Krieges zwischen Ost und West, als „The Day After“ in den Kinos lief und die Amerikaner Tripolis bombardierten, war ich im übelsten Teenager-Alter, voller Ängste ob der düsteren Zukunft, die dieser Welt bevorstand.

Damals war mir Sting, der mit „Russians“ gegen den Kalten Krieg ansang, ein Tröster in den dunkelsten Teenagermomenten. Seine Musik war voller Hoffnung.

Ob er jemals gedacht hätte, dass er 25 Jahre später „Russians“ vor russischem Publikum in einer ausverkauften schicken Konzerthalle am Rande Moskaus singen würde? Ich jedenfalls hätte es mir nie und nimmer vorstellen können, und schon gar nicht, dass ich höchstpersönlich dabei sein würde. Sting live on stage in Moskau. Welch ein fantastisches Ereignis.

Mit seinem neuen Album Symphonicities tourt Sting derzeit durch die Welt. Mit ihm auf der Bühne, neben einer hervorragenden Sängerin und seiner fantastischen Band, das Royal Philharmonic Concert Orchestra.

Schon viele Musiker haben ihre altgedienten Songs mit Klassikuntermalung aufgehübscht. Meist findet man das zwar ganz nett, möchte nach ein paar Mal Hören aber die alte Version zurück.

Bei Stings Ausflug in das Klassikgenre ist das anders. Seine Musik geht mit den Klängen des Orchesters eine Symbiose ein, die ich mir stundenlang anhören könnte. Das Orchester trägt nicht nur mit Streicherklängen im Hintergrund zu den ruhigen Stücken bei, es setzt in allen Liedern besondere, ungewöhnliche Akzente. Die Songs kommen daher wie ein alter, liebgewordener Bekannter, der seine zerschlissenen Jeans gegen feinen Zwirn eingetauscht hat, der erwachsener geworden ist und bei dessen Anblick man denkt: „Immer noch der Alte, aber der neue Look steht ihm ausgesprochen gut!“

Über mehr als zwei Stunden durften wir diesen neuen alten Klängen gestern lauschen. Sting hat nicht nur eine unverwechselbare, wunderschöne Stimme, der Mann kann auch verdammt gut singen! Beeindruckend, wie kraftvoll er auch gegen Ende des Konzerts alle Töne traf. Es gehört schon viel dazu, sich als allerletze Zugabe allein vor das Publikum zu stellen und a capella ein paar Zeilen zu singen. Großartig!

Wer übrigens denkt, dass man mit Orchesterbegleitung nicht abrocken kann, der sollte sich „Next to you“ anhören. Seit ich dabei den Dirigenten gesehen habe, bin ich der Überzeugung, dass Männer beim Abtanzen einen Schwalbenschwanzfrack tragen sollten. Ein wunderbarer Anblick!

Es ist nicht einfach zu sagen, welches Lied mir gestern Abend am Besten gefallen hat. „Englishmen in New York“ fand ich wunderschön. Aber „Moon over Bourbon Street“ in einem völlig neuen Arrangement beeindruckte mich wirklich. Gänsehaut pur!

Sting redete nicht viel. Einzig vor der Version von „Russians“ las er ein paar Worte auf Russisch vor. Hm. Ich habe es nicht ganz verstanden, er wiederholte es leider auch nicht auf Englisch, aber ich denke, er wollte nochmal betonen, dass der Kalte Krieg zum Glück vorbei ist. So richtig begeistert waren die Russen nicht von dem Song, aber vielleicht ist für sie der Inhalt der Lieder auch zweitrangig und, wie Sting so schön in einem Interview sagte: „Das Stück ist ja heute museal, es hat keine Bedeutung mehr.“

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Es ist im Übrigen immer ein Erlebnis, ein Konzert in Russland zu besuchen. Würde man die Absätze der anwesenden Damen übereinander stapeln, könnte man den Astronauten der ISS damit einen Gruß hinüberreichen. Alle Klischees werden hier ausreichend bedient. Mit Jeans und normalem Oberteil war ich mal wieder total underdressed. Und es war auch ein typisches Moskauphänomen, dass wir auf dem Heimweg eine halbe Stunde auf dem Parkplatz im Stau standen. Da wird von den Autofahrern jeder Zentimeter, den man vorwärts kommen kann, gnadenlos ausgenutzt. Dass dabei nur noch mehr Stau und Chaos entsteht, ist Nebensache.

Aber so sind sie, die Russen. Bei allem Chaos gewinne ich sie langsam richtig lieb. Sogar wenn sie, wie mein Sitznachbar gestern nach überfülltem öffentlichen Transportmittel riechen.

Dem Genuss, Sting und seinen grandiosen Musikern zuzuhören, hat das überhaupt keinen Abbruch getan. Ich habe jede Sekunde und jeden einzelnen Ton genossen.

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2 Kommentare

  1. Anonymous

    *Album runterlad*

  2. Anonymous

    Danke für den Musik-Tipp, werde ich mir demnächst mal besorgen, das Album. Wo war das Konzert denn (ich meine, in welcher Halle)?Wir gehen heute Abend in „Chess“, ich summe schon den ganzen Tag „One night in Bangkok“ vor mich hin…LG,Barbara

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