Der große Tag des Sieges


Liebe Russen,

ich bin nicht sicher, ob ich es Euch schon einmal gesagt habe, aber ich finde, Ihr seid ein tolles Volk. Etwas spröde, schwer zu durchschauen und mit der Sprache will ich auch nicht so recht warm werden, aber Ihr seid eine besondere Spezies, ohne die unser Planet sicherlich ärmer wäre.

Ihr lebt in einem Land, das unglaublich viel zu bieten hat. Kostbare Bodenschätze, wunderschöne Landschaften, herrliche Städte, ein vielfältige Küche und eine Liebe zu Musik und Poesie, die ich bisher in noch keinem anderen Land so erlebt habe.

Über Jahrhunderte hinweg habt Ihr Unterdrückung und grausame Herrscher erlebt und überlebt. Und seit einigen Jahren könnt Ihr Euch ein „freies“ Volk nennen, könnt reisen, nehmt an der Globalisierung teil und fangt an, Euer Leben zu genießen. Der Kampf ums nackte Überleben ist nicht mehr omnipräsent.

Es gibt viele Dinge, auf die Ihr stolz sein könnt.

Einmal im Jahr, liebe Russen, ist Euer großer, patriotischer Tag. Da feiert Ihr Euren großen Sieg. Über Hitlerdeutschland. Und ich schreibe bewusst Hitlerdeutschland, weil es mit dem heutigen Deutschland zum Glück nichts mehr gemein hat. Ich bin dankbar dafür, dass der Krieg aus deutscher Sicht verloren ging. Dass ich in Freiheit und Wohlstand aufwachsen durfte.

Seit Wochen schon prangen allerorten Bilder von Veteranen von den Plakatwänden. Im Fernsehen laufen alte Kriegsfilme. Die ganze Stadt wird wochenlang herausgeputzt, der Rote Platz neu gepflastert, Tribünen errichtet und Millionen Tulpen in den Parks gepflanzt, um eine Militärparade gigantischen Ausmaßes abzuhalten. Und dieses Jahr, dem 65. Jahrestag, im ganz großen Stil.

Aber ehrlich? Ich verstehe es nicht. Das ist doch nicht mehr zeitgemäß! Was habt Ihr denn davon?

Wäre es nicht sinnvoller, den Veteranen von dem Geld, das für die Reparatur der Straßen nach der Panzerparade ausgegeben wird, einen schönen Lebensabend zu finanzieren?

Steckt das Geld in Eure Theater und Konzertsäle. Lasst Lesungen abhalten und tragt statt Waffen die Statuen Eurer Dichter und Komponisten durch die Straßen.

Organisiert Austauschprogramme, lasst Eure Jugend in andere Länder reisen und ladet die Menschen aus anderen Ländern ein, um gegenseitiges Verständnis und Respekt füreinander zu fördern.

Ich mag keine Panzer und Raketen und junge Männer im Stechschritt sehen.

Russland hat heute – 65 Jahre später – mehr, viel mehr, worauf es stolz sein kann.

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3 Kommentare

  1. Anonymous

    Da hast Du sicherlich recht!

  2. Anonymous

    Wie wahr, wie wahr… und schoen, was Du so ueber Deine russischen Mitmenschen schreibst. Ich habe hier im uebrigen auch ein paar wundervolle Exemplare kennen gelernt.Auf einer Party sagte Guilia mal zu mir: „Was wuerden Deine Grosseltern sagen, wenn sie Dich hier mit drei russischen Maedels sitzen sehen wuerden. Und wir haben so viel Spass und lachen und lachen und trinken zusammen!“ … die Zeiten aendern sich. Gott sei’s gedankt.

  3. Pingback: Der Veteranenbaum | wortmosaik

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