Wintersonne


Es ist kalt! Sehr kalt! Das Thermometer ist schon lange nicht mehr in die Nähe der 0 gerückt und hält sich auch beharrlich davon fern.

So hatte ich mir den russischen Winter vorgestellt. Eiskalt, aber glasklar! Im letzten Jahr durften wir höchstens 5 solcher Tage erleben. In diesem Jahr beschert uns der gesamte Januar mit frostigen Temperaturen unter -10 Grad. Heute morgen zeigte das Außenthermometer unglaubliche -26 Grad an. Im letzten Jahr war es monatelang so um die -2 bis -5 Grad, grau, trist, trüb, schmuddelig.

Momentan ist es fast jeden Tag sonnig. Natürlich hat die Wintersonne keine Kraft. Sie scheint trilliardenmal weiter weg zu sein als im Sommer. Aber sie strahlt und leuchtet und schenkt uns Licht und Energie.

Zwischendrin gibt es auch immer mal Tage, an denen es bewölkt ist. Aber dann schneit es meistens auch und am nächsten Tag strahlt die Stadt in neuem Weiß und glitzert im Sonnenschein.

Es ist herrlich. Und ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ich das über einen Januar einmal schreiben würde.

Nachdem ich die erste Woche nach den Weihnachtsferien hier so halb im Müdigkeitskoma verbracht habe, merke ich allmählich, dass sich die täglichen, regelmäßigen Spaziergänge mit dem Hund im nahegelegenen Park auszahlen. Wenn es richtig knackig kalt ist, halte ich es zwar kaum länger als 45 Minuten aus, bevor mein Gesicht in der Eiseskälte erstarrt und ich weder lachen noch reden, sondern nur noch atmen kann. Aber der Hund fordert sein Recht und mir tut diese regelmäßige Bewegung an der Luft bei diesem klaren, schönen Wetter wirklich gut. Diese lähmende Müdigkeit, mit der ich schon im letzten Winter zu kämpfen hatte, ist fast verschwunden.

Fast. Schließlich muss ich mich doch morgens um kurz vor sieben bei völliger Dunkelheit aus dem Bett quälen, um die Brut mit Frühstück und im wahrsten Sinnes des Wortes aufmunternden Worten zu versorgen. Aber ich falle danach nur noch selten ins Koma.

Ich nutze den Tag.

Ich fahre in die Stadt, gehe ins Museum, treffe liebe Menschen und wenn das Wetter nicht ganz so schön ist, mache ich einen Ausflug nach „Little Europe“. So nenne ich mein Lieblingsshoppingcenter, nicht weit von unserer Wohnung entfernt. Das ist neu, modern, schön und hat alles, was das deutsche fußgängerzonengewöhnte Herz begehrt. Starbucks, Body Shop, H&M, Esprit, Promod, Zara, Gap, und natürlich viele andere Mitbewerber mehr. Härrlisch! Winter kann schön sein.

Ich befürchte allerdings, dass es so nicht weitergehen wird. Bestimmt schließt sich bald wieder das Wolkenfenster und die Stadt versinkt im Graugrau. Der Schnee wird sich in der abgasschwangeren Luft schwarz färben und die mannshohen Schneeberge an den Straßenrändern schmelzen langsam, ganz langsam vor sich hin. Dabei hinterlassen sie gefährliche Glatteisstellen auf dem Gehweg. Die Stadt wird weiterhin eine eifrige Armada von Straßenarbeitern aussenden, um mit riesigen Eispickeln bewaffnet und lautstarkem Geklopfe und Gemeißel die Gehwege eisfrei zu halten. Klack, klack, klack, klack. Tag und Nacht.

Es ist sowieso kaum zu glauben, wie Moskau mit den Schneemassen fertig wird. Ganz Europa versinkt im Schneechaos und hier wirken über Nacht die Heinzelmännchen aus Usbekistan und alles geht seinen gewohnten Gang. Wie viel Schnee wirklich liegt, kann man nur in den Parks sehen.

Schnee ist ein Ärgernis in Moskau, das fachgerecht (und kostenintensiv) entsorgt werden muss. Oft sieht man riesige Laster schwer beladen mit Schnee, der an entsprechender Stelle eingeschmolzen wird. Denn von alleine schmilzt das Zeug frühestens im April und bis dahin kommt immer wieder neues Material dazu. Man stelle sich die Berge vor, die sich rechts und links von der Straße türmten, würden die Schneemassen nicht regelmäßig weggeschafft.

Wer sich nun fragt, was diese Heerscharen von fleißigen Händen im Sommer machen, dem kann ich versichern, dass spätestens Ende April überall Millionen von Tulpen gepflanzt und die zahlreichen Parks und Grünanlagen in Moskau bis zum nächsten Schneefall mit viel Engagement gepflegt werden.

Aber bis dahin ist ja noch lang und ich hoffe, die Wintersonne lässt uns so bald nicht im Stich. Bitte!

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4 Kommentare

  1. Anonymous

    Dass es Dir besser geht, kann man aus jeder Zeile Deines Textes lesen! Ich freu mich und wünsche Dir noch lange Wintersonne. Dann stehst Du auch das Grau auf dem Weg zum Frühling durch!

  2. Anonymous

    Ich glaub’s nicht… die schmelzen tatsaechlich ihren Schnee? Das ist cool :) Dafuer haben wir 200 m neben unserem Haus eine illegale Muellkippe die weg muss, und die aus diesem Grund angezuendet wurde und nun schon seit 4 Tagen brennt… :(

  3. Anonymous

    Hört sich eigentlich alles gut an.Sehenswert….aber ich glaube, ich muss meine Reise noch mal verschieben:-) Es geht in diesem Jahr mehr gen Westen!

  4. Anonymous

    Hi Katja, das hört sich gut an! Vor allem ist es gut, dass der Hund Dich in die Sonne zieht. Freut mich sehr, dass der Winter in diesem Jahr schöner ist als im vergangenen.Hoffe, es geht Dir auch ansonsten gut.Liebe GrüßeAndrea

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