Living abroad


Ich bin Ausländerin. Hier in Russland. Das ist ein merkwürdiges Gefühl.

Wenn man als Deutsche in Deutschland aufwächst, dann sind die Ausländer ja immer „die Anderen“. Sie sind fremd, sprechen oft nur schlecht und manchmal gar nicht unsere Sprache, ziehen sich zurück in ihre Viertel, wo sie unter ihresgleichen sind, ihre Kultur weiterleben, sich nicht so integrieren, dass sie bitte nicht mehr gleich als Ausländer erkannt werden.

Ich weiß gerade den genauen Wortlaut nicht von dem indianischen Sprichwort mit den Mokassins des anderen, in denen man erst mal laufen soll, bevor man urteilt.

Aber er ist so wahr!

Hier in Moskau sind wir Ausländer, wenn auch unter anderen Voraussetzungen. Wir sind finanziell gut gestellt, besser als viele Russen. Doch ist da dieses Gefühl, einfach nicht in diese Gesellschaft zu passen. Das hat nichts mit wollen zu tun. Da ist auch keiner Seite die Schuld zuzuschieben. Es ist einfach so, dass man von dem Land und der Kultur, in der man aufwächst so geprägt ist, dass es wirklich schwierig ist, in einem fremden Land Fuß zu fassen.

Wenn ich mich über diese oder jene Eigenart der Russen lustig mache oder mich beklage, dann darf man nicht außer Acht lassen, dass ich das von meinem Standpunkt als Deutsche sehe. Das ist alles, aber nicht objektiv!

Es gibt Kulturen, in die passe ich besser, da kann ich mich eher einfinden. Da komme ich mit der Sprache leichter zurecht, da mag ich die Art, wie die Menschen miteinander umgehen, da gibt es mehr positive Andersartigkeit als negative.

Es ist so schwer zu erfassen und zu beschreiben, was Russland bzw. Moskau für mich so schwierig macht. Es ist bestimmt nicht das Wetter, damit kann man sich arrangieren, wobei die lang anhaltende dunkle Jahreszeit nicht sehr leicht zu ertragen ist.

Vielleicht liegt es daran, dass es oberflächlich betrachtet nicht viel anders aussieht als in Westeuropa. Natürlich sieht man überall noch die Spuren des Kommunismus, aber es ist längst nicht so exotisch wie in Asien oder Afrika. Die Unterschiede zu Deutschland erfährt man erst mit der Zeit. Es ist alles irgendwie verschoben. Eine Parallelwelt, in der es ähnlich aussieht, die aber völlig anders funktioniert.

Ich hatte schon bei unserem letzten Umzug innerhalb Deutschlands das Gefühl, dass es mir leichter fällt, mich in einer völlig anderen Kultur zurechtzufinden als in einer, die ähnlich ist, aber eben nicht gleich. So fand ich in NRW nicht die gleichen Traditionen wie im Saarland und war von der exzessiven St. Martinsfeierei irgendwie überfordert. Die Wurstsorten waren anders und die Kaffeestückchen heißen dort eben Teilchen. Das sind Kleinigkeiten, aber sie versetzen einem unerwartet immer wieder einen Stich, wenn man gerade denkt, man hat sich eingelebt.

In Asien wäre das anders, da ist man überall von Fremdheit umgeben, da kann man erst gar keinen Ähnlichkeitsfallen auf den Leim gehen.

Ich hatte ja von mir immer behauptet, dass ich gar nicht so deutsch bin. Dass mich überall zurechtfinden und anpassen kann. Dass mir Traditionen nichts bedeuten und nichts vermissen würde.

Russland ist jetzt das dritte Land in dem ich lebe und nicht nur Urlaub mache und wieder spüre ich sehr deutlich, wo meine Wurzeln sind und wie sehr sie mich geprägt haben.

Wenn ich also hier meine Eindrücke schildere, dann tue ich das aus meiner Sicht heraus. Ich möchte nicht verurteilen oder werten. Wenn ich das russische Weißbrot bemängele, dann einfach, weil es mir persönlich nicht schmeckt. Wenn ich mich über das Verhalten der russischen Autofahrer aufrege, dann weil ich in der deutschen Fahrschule andere Regeln gelernt habe. Wenn ich mich über den gelangweilten Gesichtsausdruck der Boutiqueverkäuferin ärgere, dann weil ich ein anderes Serviceverständnis habe.

Und wenn ich mich über die russischen Frauen in ihren Stöckelschuhen lustig mache, dann deshalb, weil ich in den Dingern keine zwei Meter weit käme.

Ich bin der festen Überzeugung, dass es für das Zusammenleben in unserer von Globalisation und Migration geprägten Welt von Vorteil wäre, wenn ein längerer Auslandsaufenthalt zum festen Bestandteil eines jeden Lebenslaufs würde.

Am Ende ist alles zu ertragen. Wenn man nur den nötigen Humor besitzt und auch über sich selbst lachen kann. Fettnäpfchen zum reinhüpfen gibt es dafür genug.

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Ein Kommentar

  1. Anonymous

    Nice, Schwesterherz. Jo, so ist das zu sehen.Ich hab meine Amis auch furchtbar lieb, auch wenn ich nicht fassen kann, wie man während eines Basketballspiels für das man 40 Tacken bezahlt hat, alles andere tun kann außer das Spiel anzugucken… ;)

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